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Impfen: Bitte von den Managern lernen

Impfen: Bitte von den Managern lernen

Die Situation könnte „klassischer“ kaum sein: Ein zentrales Management (in diesem Fall die Bundesregierung) definiert eine Strategie (zur Pandemiebekämpfung), die den Beitrag fast aller in Form eines konkreten Verhaltens (Impfen gehen) braucht.

Matthias Prammer, geschäftsführender Gesellschafter von Die Umsetzer, erinnert dieses Szenario klar an eine Change-Management-Situation.

„Die Methoden sind bekannt: viel allgemeine Kommunikation, Kampagnen, gleichzeitig aber kein Zwang, man will ja niemandem wehtun.“

Denn, das gilt im Speziellen für die genannte Situation: Es kommen ja wieder Wahlen.

Das Ergebnis, dass noch immer zu wenige Menschen geimpft sind, obwohl es mittlerweile an Impfstoff nicht mehr mangelt, hätten viele erfahrene Change-Managerinnen und -Manager vorhersagen können.

„Rund zwei Drittel sind geimpft, der klassische Anteil aus der Gauß’schen Kurve derer, die man mitnimmt“, sagt Prammer. Da stellt sich die Frage, wie man die übrigen Menschen dazu bringt, das gewünschte (aus Sicht des Managements: richtige) Verhalten an den Tag zu legen.

„Im Unternehmen sind das die Widerständler, die man bewegen muss, damit das System seinen Umkipppunkt in die richtige Richtung erreicht.“

Im Grunde sind es drei Ansatzpunkte, die jetzt zu verfolgen sind, sagt Prammer:

Mächtig

Jedes Management müsse sich bei einem Veränderungsprozess überlegen, „wie viel Macht sie einzusetzen bereit ist“. Denn, sagt er: „Man kann nicht ständig Macht einsetzen.“

Diese Diskussion führt man – nicht öffentlich – in jenem Kreis, der auch die Strategie vorgegeben hat: „Man führt sie explizit und ausgiebig. Hier rasch zu viele Optionen auszuschließen ist fahrlässig.“

Statt Macht einzusetzen, ist Nudging ein probates, elegantes Mittel. Beim Impfen ist eine mögliche Methode aus dem Nudge-Repertoire, das jeder Change-Manager inzwischen beherrscht, die Widerspruchslösung, so wie sie in Österreich seit Jahrzehnten erfolgreich im Bereich der Organspenden angewandt wird.

Beim Impfen bedeutet sie: Jeder bekommt einen Impftermin. Wer ihn nicht wahrnehmen will,muss das begründen. Diese Methode ist organisatorisch aufwendig, aber wirkungsvoll.

Zielgruppenspezifisch

Wer verändern will, muss wissen, mit wem er es zu tun hat. Prammer empfiehlt, Personas zu definieren und diese „sehr spezifisch zu adressieren – in den Inhalten und an den ,Touchpoints‘, an denen sie sich aufhalten.

“Was nie gut funktioniert ist ein „One size fits all“: Nicht für alle Zielgruppen passen alle Argumente und Kommunikationsmethoden.

Überzeugend

Wichtig ist außerdem, die Überzeugungsarbeit in die Fläche zu bringen. Wie im Unternehmen die Führungskräfte brauchen beim Impfen die Gemeinden und Bürgermeister Auftrag und Rüstzeug, die Strategie auf ihren Bereich zu übersetzen.

Das lasse sich gut mit anderen Nudges verbinden, sagt Prammer: „Permanente Visualisierung, wie viele Personen in meiner Gemeinde schon geimpft sind, motiviert mehr als der wiederholte Appell aus Wien.“

Auch brauche es einen kleinen Werkzeugkoffer für die Gemeinden.

Daten als Grundlage

Grundlage für all das muss eine saubere Datenbasis mit konsistenten Zahlen sein. Alles andere nage an der Glaubwürdigkeit. Die sei – wie in jedem Veränderungsprozess – das sichere Fundament für alles, was man an Veränderung anstrebe, sagt Prammer.

 

von Michael Köttritsch.
Die Presse am 31.07.2021, Printausgabe